Tina Schalow

Mal- und Gestaltungstherapie.

Persönlichkeitsanteile?

In diesem Interview beantworte ich Fragen einer Studentin der F+F Schule für Kunst und Design in Zusammenhang mit ihrer künstlerischen Projektarbeit «Meine innerpsychische Landkarte»

Was verstehen Sie unter dem Begriff der Persönlichkeit?

Die Persönlichkeit verstehe ich als eine Mischung aus Erbgut und ökologisch systemischen Einflüssen. Die soziale Umwelt prägt das Gehirn und somit die Psyche vor allem im Kindesalter durch wiederholte Stimulation (Gehirnwachstum, Gedächtnisbildung). Aber auch später im Leben können Prägungen und somit Verhaltensweisen entstehen. So wie auch bereits während der Schwangerschaft, wenn das Gehirn der Mutter mit dem Gehirn des ungeborenen Kindes über die Blutbahn verbunden ist.

Wie lassen Sie die innerpsychische Vielstimmigkeit in die Maltherapie einfliessen? Was bedeutet das für die Mal- und Gestaltungstherapie?

In der Sitzung sind alle Persönlichkeitsanteile willkommen. Jeder Anteil einer Person hat eine eigene Geschichte mit eigenen Denkmustern, eigenen Fähigkeiten, Begabungen und auch Belastungen. Ein Persönlichkeitsanteil kann also gesund oder pathologisch sein. Ziel der Therapie ist es, die pathologischen zu heilen. Der direkte Kontakt zu den einzelnen Teilen ist entscheidend. Es kann keine Heilung geschehen, wenn der belastete Anteil nicht im Bewusstsein ist. Die künstlerische Tätigkeit und auch die aktive Imagination wirken unterstützend, um mit dem belasteten Anteil direkt zu arbeiten, damit er schliesslich Veränderung erfährt. Ausserdem wird in der Ego State Therapie nicht der ganze Mensch diagnostiziert, nur einzelne Anteile sind belastet, andere sind kerngesund und handlungsfähig. Das ist für den Klienten essenziell zu erleben.

Wie geht man mit destruktiven Anteilen in der Therapie um?

Wie in obiger Frage bereits aufgegriffen: Alle Anteile sind willkommen. Für das destruktive Verhalten gibt es Gründe. In den meisten Fällen entsteht dysfunktionales Verhalten aus einer Notsituation heraus (Überforderung, emotionale Überschwemmung, Traumata usw). Es geht langfristig darum, den dysfunktionalen Anteil in seiner Absicht zu würdigen, den Kontakt zwischen ihm und den anderen Anteilen zu fördern, so dass er sein Verhalten zu ändern bereit ist und schliesslich vom restlichen inneren Team Akzeptanz erfährt. Persönlichkeitsanteile sind wie wir Menschen: Sie wollen akzeptiert und geliebt werden.

In welcher Lebensphase können Ego-States gebildet werden resp. bis wann können neue Ego-States gebildet werden?

Wie bereits in Ihrer Eingangsfrage erwähnt werden die meisten Persönlichkeitsanteile während der Entwicklungsphase des Gehirns – also im Kinder- und Jugendalter – gebildet. Da das Gehirn ein dynamisches Organ ist, kommen auch im Erwachsenenalter vereinzelt neue States dazu. Ego State Therapie – bzw. die Resource Therapy nach Prof. Gordon Emmerson, nach der ich arbeite – basiert auf dem durch die Neurowissenschaft entwickelten Wissen bezüglich der Abläufe im Neuronennetz: Gehirnwachstum und Gedächtnisbildung entstehen durch wiederholte Stimulation. Die Persönlichkeitsanteile sind also neurale Verbindungen, die sich durch häufig repetierende Erfahrungen und durch korrespondierende, konstruktive Bewältigungsmechanismen bilden. Das neurale Wachstum wird durch die Häufigkeit und die Art der Stimulation beeinflusst.

Ego-States können nicht gelöscht, aber durchaus verändert werden. Wie wird eine solche Veränderung in der Maltherapie angegangen?

Je nach Art des Ego States, seiner Entstehungsgeschichte gibt es unterschiedliche Abläufe, um einen pathologischen State in einen gesunden Zustand zu führen. Grob zusammengefasst wird grundsätzlich:

– der Klient in Kontakt mit dem Anteil gebracht

– der Anteil – der in einem belastetet Zustand verharrt – identifiziert

– statt der negativen Gefühle werden Erleichterung, Ausdrucksfähigkeit und Selbstkompetenz gefördert

Die Mal- und Gestaltungstechniken unterstützen den Selbstkontakt; durch die intuitive Arbeit ist der Klient/die Klientin mit inneren Anteilen in Kontakt, die sich durch das Gespräch möglicherweise nicht zeigen würden. Die kreative Arbeit wird ergänzt mit Atem- und Körperarbeit, Stuhlarbeit nach Perls und aktiver Imagination.

Warum ist es so wichtig, dass man sich selbst gut kennt? Wie kann einem da die Mal- und Gestaltungstherapie helfen?

Sich selber gut zu kennen, ist hilfreich für einen bewussten Umgang mit sich. Das Wissen um die Anteile und ihr bewusster Einsatz fördern das Verständnis des Klienten für seine Persönlichkeit, seine inneren Dynamiken und zeigen einen Weg zu nachhaltiger Veränderung auf. Das stärkt den Selbstwert und die Selbstachtung. Achtsame Selbstwahrnehmung und liebevolle Selbstregulation ermöglichen langfristig ein freieres Leben. Die Mal- und Gestaltungstherapie – wie auch die anderen Formen der Kunsttherapie – können den Klienten in seiner Selbstwahrnehmung und Selbstregulation auf geistiger, seelischer, körperlicher und sozialer Ebene unterstützen.

Konflikte im inneren Team können Blockaden verursachen und zu Leid führen. Wie kann die Maltherapie helfen, diese Konflikte aufzulösen?

Mal- und Gestaltungstherapie kann als erstes dabei helfen, den Konflikt bzw. den Ursprung des Konflikts aufzuspüren. Und sie fördert die Sinneswahrnehmung, die Wahrnehmung innerer und äusserer Vorgänge über das künstlerische Tun. Die ganzheitliche Sicht auf sich und die inneren Dynamiken ermöglicht eine Erweiterung des Handlungsspielraums wodurch die Lösungssuche unterstützt wird.

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